Salam, Shalom, Peace,
einen letzten Gruß aus dem schönen (zukünftigen) Staat Palästina. Ramallah, die wohl westlichste (nicht geografisch gemeint!) aller arabischen Städte, die einlädt mit Kneipen und Alkohol in den Regalen mancher Supermärkte, mit unverschleierten Frauen, einer Jugend mit aufgemotzten Autos (wer drauf steht..) und immer donnerstags mit Partys auf denen amerikanische Musik gespielt wird, mit guter Luft und idealem Sommerwetter, besonders für die hitzegeplagten Menschen, unten an der Küste des Mittelmeers.
Wie sich schon aus meinem letzten Schreiben herausgelesen hat, habe ich die letzten Wochen mit der Vorbereitung für einen weiteren Film verbracht. Viel davon ist natürlich aus dem Büro zu erledigen, die Anrufe, die Internetrecherche, die Drehgenehmigungen, die Kalkulation. Doch zum Glück geht es eben nicht ohne auch direkt vor Ort zu sein. So konnte ich die letzten zwei Tage mal wieder in Gaza verbringen. Und ich muss berichten: Gaza hat sich seit meinem letzten Besuch Ende Mai sehr verändert. Trotz der Querelen, von denen man in den letzten Tagen in den Nachrichten dieser Welt hören konnte, trotz der innerpalästinensischen Kämpfe, das Leben ist bunter, froher und zuversichtlicher geworden. Während im Mai noch kein Gaza-Bewohner an die Abzugspläne der Siedler aus dem Gazastreifen geglaubt hat, haben die Menschen nun begriffen, dass es ernst wird, das sie Verantwortung übernehmen müssen, dass ihnen bald ein Stückchen Land zur Selbstverwaltung gehören wird. Schade, dass es erst jetzt geschnickt hat in den Köpfen, viel Zeit haben sie verstreichen lassen. Doch nun auf einmal machen sich verschiedenste Leute Gedanken, äußern Ideen für die zukünftige Nutzung der zurückbleibenden Infrastruktur. Man ist sich bewußt geworden, das es bald keine Kontrollen mehr geben wird, keinen Aggressor, keine Besatzungsmacht. Die Menschen haben angefangen die Abende für sich zu nutzen, das Leben endet jetzt nicht mehr um acht Uhr, sondern geht bis in die Nacht, bis Mitternacht. Man entdeckt die angenehmen Abendstunden als Zeit der Zusammenkunft, als Zeit, in der man eine gemütliche Nergile (Wasserpfeife) rauchen kann, mit den Freunden quatschen kann und dies alles im Freien tun kann. Es gibt sogar jetzt Läden, die das abendliche Publikum für sich entdeckt haben, und bis 0 Uhr geöffnet bleiben. Natürlich ist die Abendstunde nur den Männern, Frauen höchstens in Begleitung, gegeben, und die Hamas-Kämpfer patrouillieren auch noch im Gleichschritt und vermummt durch die nächtlichen Straßen. Auch liegt noch diese geisterhafte Dunkelheit über der nächtlichen Stadt, da nur die großen Straßen beleuchtet sind, und von diesen Straßenlampen nur einige funktionieren. (Leuchtreklame gibt es (fast) nicht)
Kurz um, deprimierend ist der Aufenthalt in Gaza nach wie vor, wenn man sich durch diese einzig graue Masse aus Beton bewegt. Alles scheint nur für vorübergehend gebaut, die Langeweile bestimmt den Alltag der meisten Menschen, Mutlosigkeit, Aggression und Neid bestimmen die Menschen und ihre Umgangsformen. Doch für mich, der ich Abstand von diesem Haufen Elend gehabt habe, war der Wandel eindeutig, die Hoffnung zu spüren und ein positiven Unterschied zu erkennen. Ich wünsche diesen Leuten viel Glück auf ihrem Weg in die Selbstverwaltung und Selbstgestaltung.
Ja, leider muss ich Anfang nächster Woche diesen Streifen der Erde wieder verlassen (auch wenn ich mich natürlich freue, euch alle wiederzusehen), noch bevor der Auszug der Siedler aus Gaza beginnen wird, noch bevor der historische Akt vollzogen werden wird. Ich habe viel hier gelernt und kennengelernt, besonders durch den Umstand meiner Tätigkeit hier im Goethe-Institut Ramallah. Ich bin in die hohe Kunst des Budgetierens eines Filmes eingeweiht wurden, oder anders gesagt: wie man an Kohle rankommt. Ich habe viel Erfahrungen gesammelt im Recherchieren, via Telefon und im Internet, habe viel praktisches gelernt, um Drehgenehmigungen zu bekommen, viele Verhandlungen geführt. Ich habe als Location-Scout in Palästina fungiert, habe Kontakte rausgefunden und geknüpft (und auch weiterhin gepflegt). Kurz um, ich habe wirklich jede Menge über die Produktion eines Filmes gelernt und kann somit resümierend sagen, der Aufenthalt hat sich studientechnisch wirklich gelohnt. Ganz zu schweigen von den lehrreichen Erfahrungen über Lichtsetzung, Filterwahl fürs Kameraobjektiv und Kameraführung während des 11-tägigen Drehs. Auch konnte ich mich selbst an der Kamera betätigen, in verschiedenen kleineren Projekten. Was also mein Arbeitsaufenthalt in Palästina angeht bin ich vollends zufrieden.
Persönlich habe ich natürlich auch einige neue Erfahrungen hinzu gewonnen, besonders was den Umgang mit Besatzungstruppen angeht. Ich habe mich als Fotograf betätigt, in alltäglichen Situationen und in weniger alltäglichen. Habe einige Journalisten kennengelernt, dadurch auch einiges über das Verhalten eines Journalisten/Fotografen in brenzligen Situationen erfahren. Und vor allem bin ich sicher geworden was die Eigenheiten, die Mentalität und der Alltag in arabischen Ländern angeht. Wie man Fettnäpfchen vermeidet und wie man am arabischen Leben teilnehmen kann, auch wenn ich einige europäische Eigenheiten nie ganz ablegen will/werde. Ich habe weitere Erfahrungen in Kampfhandlungen gewinnen können, meine Angst vor bewaffneten Personen abgebaut und mehr Selbstvertrauen in meiner Tätigkeit als Journalist bekommen.
Ich glaube, einen Experten des Nahostkonfliktes wird und kann es nie geben. Zu komplex und historisch begründet ist er und zu unterschiedlich sind die verschiedenen Menschen in den verschiedenen Gebieten der West Bank, in Gaza, die Araber in Israel, die palästinensischen Flüchtlinge in anderen arabischen Ländern, und die arabischen Flüchtlinge in den Gebieten Palästinas. Doch habe ich einen großzügigen Einblick in die Gesellschaft, die Strukturen des Lebens hier bekommen können, verschiedenste Menschen kennenlernen können, um doch ein wenig dahinter blicken zu können und begreifen zu können. Natürlich sind meine Eindrücke geprägt durch die palästinensische Sichtweise, auch wenn ich oft in Israel war. Aber da Israel eine ausgeprägte Medienlandschaft hat, auch mit neutralen und sogar mit pro-palästinensischen Medien, kann man sich auch die israelischen Sichtweisen zu Gemüte führen, was umgedreht, auf Grund der fehlenden Medienlandschaft, nicht geht.
Bleibt mir noch zu hoffen, das ich meine Filme unbeschadet in das Flugzeug bringen kann, das ich nicht auf zu vielen Videos der israelischen Armee zu sehen bin, also das man mich auch später wieder in das Land einreisen läßt und das die Armee in meinen letzten Tagen nicht wieder in Ramallah einmarschiert, denn dann müsste ich mir neue Filme kaufen.
Ma salam
Vierter Gruss
Labels: abhandlung
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