Es ist doch gut, wenn das Leben, mit all seinen Haerten und Ungerechtigkeiten, mit seinen Grausamkeiten und Abartigkeiten einfach zur Normalitaet wird. Tote, gesteinigte, zerbrochene Kinder und Jugendliche zum Alltag gehoeren wie der eben verpasste Bus und der wieder einmal kalte Kaffee am Kiosk nebenan. Wenn man sich in seinem taeglichen Trott, seinem ewig gleichen Arbeitsalltag nicht stoeren laesst von vergossenem Blut, zerfetzten Koerpern und weggesperrten Teenieseelen. Die Zeitungen schreiben immer das Gleiche, zeichnen ein Bild, wie es anders gar nicht sein kann. Sie wuerden weisse Seiten produzieren, gaebe es nicht den Mord und Totschlag. Und wer will schon unbeschriebene Blaetter zum Morgencroissant studieren. Halt nein, studieren tun wir die Morgenlektuere schon lang nicht mehr, sonst wuerde uns ja auffallen, was da taeglich unmenschliches auf den Strassen und Gassen der Nachbarschaft passiert. Vielleicht wuerden uns weisse Seiten mehr aufschrecken: ‚Wo ist das rote Blut?’ Dann wuerden wir die Presse vielleicht wieder studieren, auf der Suche nach dem gewohnten Bild kaputter Menschen. Jedoch wuerde das eine Anstrengung am fruehen Morgen bedeuten, wir wuerden zum Kaffee etwas vermissen, der Tag wuerde unvollstaendig beginnen. Es ist gut, dass wir unsere verlaesslichen Schmierenblaetter haben, mit den vertrauten Bildern der letzten Kaempfe, die wir zwar nicht mehr anschauen, die wir nicht deuten und worueber wir auch nicht nachdenken; aber es beschert das wohlige Gefuehl der Heimat, nicht Allein zu sein, das die Ordnung der Welt noch besteht. Relaxt koennen wir die roten Strassen auf den Bildern geniessen, zerschlagene Koepfe zwischen Marmeladenbrot und Kaffee vorbeiziehen lassen und uns geborgen fuehlen.
„Alles hier ist Politik“, der Satz, der mir zur Begruessung von vielen Palaestinensern ins Fleisch gebrannt wurde. Und ich unterstreiche ihn, gebe ihn Neuankoemmlingen mit in ihr Leben im Heiligen Land. Politik gehoert zum Alltag wie urinieren. Keiner spricht ueber seine letzte politische Handlung, ein jeder muss es tun, und ist es dann erledigt fuehlt man sich erleichtert und hat das sichere Gewissen, bald wieder politisch handeln zu muessen. Wozu auch drueber reden, was ist schon so interessantes dran am pinkeln. Ausser vielleicht dem Vorurteil: Frauen sitzen und Maenner stehen – ich meine natuerlich Frauen handeln politisch vorsichtiger ohne dabei die unmittelbare Umwelt zu beschmutzen und die Herren handeln gerne in gewohnt maennlicher Pose politisch, so dass es jeder Nachbar hoeren und riechen kann und die Umwelt vom politischen Handeln befleckt wird, gut um darauf auszurutschen.
Und weil eben alles politisch ist, der morgendliche Kaffee genauso politisch wie die Rubrik „Politik“ der morgendlichen Lektuere, und weil eben der morgendliche Kaffee Gewohnheit ist, kein spezieller Akt, der mit einer zeremoniellen Show eingefloesst wird, sind auch die verbluteten Leichen der Schmierblaetter Gewohnheit, und ihr Genuss muss nicht mit einer besonderen Portion Sentimentalitaet oder Anteilnahme begleitet werden. Wir wuerden ja gar nicht zum Verrichten unseres Tagwerkes kommen, wenn wir jeden natuerlichen, alltaeglichen Handgriff mit einer speziellen Koerperreaktion und Gefuehlsschwankung ausstaffieren muessten. Wir wuerden doch direkt ins Bett zurueckfallen, wenn der erste Toilettengang des Tages in andachtsmaessiger Wuerde begangen werden muesste, das zweite Urinieren, pardon, politische Handeln des Tages, das Schmieren eines Marmeladenbrotes, nur mit vorheriger reiflicher Ueberlegung dieser Handlung vorgenommen werden koennte, die dritte politische Handlung, also das Kaffeekochen, erst eine ausgiebige Meditation ueber den Sinn und die Wuerde der Bohne passieren sollte.
Politik ist das weltzusammenhaltende Moment, ist der Kitt des Lebens, die Kohaesionskraft des Menschen. Politik bestimmt unser Sein, durch Politik werden wir erst zum Menschen, ja erst zum Lebewesen. Ohne politisches Handeln koennten wir nicht einmal unser Marmeladenbrot essen oder unseren Kaffee trinken. Wir koennten auch nicht pinkeln gehen. Obwohl, ich habe noch niemanden gefragt, ob denn urinieren auch eine politische Handlung darstellt wie die Wahl der Marmelade fuer das Fruehstuecksbrot. Aber diese Frage koennen wir nun schon selbst beantworten: Ja. Denn wir muessen erst die Stelle der Erleichterung waehlen, die Koerperhaltung waehrend des Aktes, wir setzen eine bestimmte Miene auf und mancheiner macht auch gern Geraeusche. Wie politisch! Dagegen ist das Ueberfliegen der Schmierenblaetter am Fruehstueckstisch Kindergarten! Unsere Miene wird von der Lektuere verdeckt, die Sitzhaltung wird massgeblich bestimmt durch die Laenge und Breite des Blattes. Jetzt mag einer dazwischenrufen, die Wahl des Schmierenblattes ist aber hoechst politisch, dann stelle man sich einmal die Wahl der Marmelade fuer das Fruehstuecksbrot vor! Gelb, Orange, Rot, Schwarz, Blau, Gruen, Violett und noch viele mehr. Die Morgenlektuere dagegen zeigt sich immer von der blutroten Seite, mit armeegruenen Einlagen und oranggefaerbten Zwischenrufen (Orange = die Farbe der radikalen Siedler Israels). Egal, welche man beim Verzehren des politischen Fruehstuecksbrotes sich vor die Nase haelt. Aber ob ich mit Orangenmarmelade, gefertigt aus Jaffa-Orangen, Israel unterstuetze (Jafo liegt an der israelischen Mittelmeerkueste), oder mit Erdbeermarmelade doch die Hisbollah-Farmen im suedlichen Libanon, oder durch Apfelmarmelade meine Sympathie zu Syrien bekunde, durch Kirschen aus dem suedlichen Westjordanland gemaessigt erscheine, mit Quittenmarmelade mein Fruehstuecksbrot zu einer „Gaza-Schnitte“ mache, das birgt doch wirkliches politisches Potenzial in sich und kann explosiv wirken!
Geraedert und erschoepft von der brisanten Wahl meines Aufstriches moechte ich meine Miene dann gern hinter einer Lektuere verstecken, die etwas alltaegliches, normales, unauffaelliges und beinahe unpolitisches ausstrahlt. Moechte meine Sinne entspannen, einen kurzen Augenblick der Wahllosigkeit geniessen und die Freiheit einsaugen, mich gerade zu nichts und gegen nichts zu bekennen. Wobei ich sagen muss, dass die Farben Rot, Gruen und Orange nicht gerade als entspannende Farben geeignet sind.
Also sagen wir einen Dank an die Schmierblattgestalter, macht weiter so, versuesst uns den politischen Morgen mit etwas Normalitaet und Ruhe, auf das ein jeder dann sein politisches Tagewerk verrichten kann und der Alltag fliessen kann. Wir brauchen eure Grausamkeiten, die toten Kinder am Morgen, die zerfetzten Soldaten, die zerbombten Haeuser und zerstoerten Gaerten, damit wenigstens etwas immer gleich bleibt, keiner Wahl bedarf und uns einen Moment der Ruhe, der Politiklosigkeit beschert.
Zu diesem Essay hat mich mein Gegenueber auf der Messe der NGO’s (Non-Governmental Organizations) in Ramallah (Mai 2005) inspiriert, der sich taeglich aufregt, dass ich meine Zeit vergeude mit Zeitung lesen im Internet. Er warnte mich ausdruecklich davor, wie gefaehrlich diese Taetigkeit doch sei, ich wuerde mir meinen Geist damit verderben, verrueckt werden und dumm. Schliesslich sei doch schon das ganze Leben hier so politisch, und Zeitung lesen hat nichts mit politischer Bildung zu tun, sondern nur mit Verbloedung....
Die Politik und ich
Labels: essay
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen