Dieses Blog entstand 2007, mit den Texten aus meiner Zeit als Praktikant beim Goethe-Institut-Ramallah.
Im Februar 2005 wurde durch ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Mahmoud Abbas
und
Ariel Sharon die 2. Intifada offiziell beendet.
Ende August 2005 ist Israel mit seinen Siedlern und dem Militaer komplett aus

dem Gazastreifen abgezogen.
Aus der Zeit dazwischen stammen diese Berichte und Geschichten.

Kleiner Juli-Abriss

Kleiner Abriß der Situation 18. Juli 2005

Nachdam sich vergangenen Dienstag wieder ein Selbstmordattentäter in Netanya in die Luft gesprengt hat, ist die Situation wieder ein bißchen unruhiger geworden. Im Heiligen Land regiert wieder das Unheil.
Klar das die israelische Regierung die 5 Toten bei dem Anschlag rächen muss, also wurde kurzerhand die Stadt Tulkarem wieder besetzt (sie war seit einigen Wochen unter palästinensischer Autonomie), abgeriegelt und eine Ausgangssperre verhängt, und das, wo ich am Samstag dorthin fahren wollte. Leider war die Stadt aber bis gestern militärisches Sperrgebiet, also unerreichbar auch für mich und mein diplomatisches Kärtchen. Außerdem wurden die gezielten Tötungen von radikalen Hamas- und Dschihadkämpfern wieder aufgenommen, einige Autos in Gaza und der West Bank in die Luft gesprengt und ein paar Betriebe in Gaza per Beschuß stillgelegt. Aber das ist ja auch den deutschen Medien zu entnehmen, brauche ich hier also nicht im Einzelnen weiter auszuführen.
Die Hamas in Gaza ist ja schon seit ein paar Wochen dabei, vereinzelte Raketen und Mörsergranaten auf Israel und seine Gaza-Siedlungen zu schießen. Jedoch gingen die meist irgendwo nieder, töteten niemanden und verursachten, wenn überhaupt, nur geringen Schaden. Das änderte sich plötzlich, am Mittwoch, als die israelischen Soldaten ihre Vergeltungsschläge durchführten. Da wurden die Raketenschüsse massiv aufgestockt, und siehe da, eine traf dann auch, wieder war ein israelisches Opfer zu beklagen. Das war der Ausschlag gebende Punkt, die israelische Regierung bereitete ihren erneuten Gazaeinmarsch vor, kurz vor dem Gazaauszug der Siedler, zog das Militär zusammen, und die Bilder des Panzeraufmarsches vor den Toren des Gaza-Strips gingen um die Welt, brauch ich also auch nicht näher drauf einzugehen.
Durch meine Gaza-Touren habe ich viele Bekannte und Freunde in Gaza-City und Rafah (im Süden von Gaza, an der ägyptischen Grenze) und stehe auch im regen Kontakt mit ihnen. Die vergangenen 3-4 Wochen verbrachte ich ja mit der Vorbereitung für einen neuen Film: Locationsuche, Kontaktsuche, Genehmigungen einholen etc, alles in Gaza. Wir wollten diese Woche, genauer gesagt heute mit dem Dreh in Gaza beginnen. Jedoch ist dieses Unternehmen bis auf weiteres auf Eis gelegt; das Militär hat Gaza in drei Zonen geteilt, mit undurchlässigen Checkpoints, da hilft auch kein Diplomatenauto und kein Diplomatenpass! Meine Gaza-Kontakte berichten auch schon seit Wochen von täglichen Hubschrauber- und Jeteinsätzen des Militärs, die verzweifelt versuchten, die Raketenabschußstellungen zu lokalisieren. Jedenfalls war es bis Freitag noch möglich, nach Gaza einzureisen und sich im Streifen zu bewegen. Nun ist alles dicht, unsere Interviewpartner (für den Film) dürfen das Haus nicht mehr verlassen und wir kommen nicht mehr zu ihnen durch. Die israelische Armee hat die Oberhand übernommen in Gaza, die palästinensischen Sicherheitskräfte, die sich in den letzten Tagen wirklich schwere Gefechte mit den Hamaskämpfern geliefert haben, mussten sich zurück ziehen, die Hamas schießen weiter kräftig mit Raketen und Mörsern. Aber die große Invasion von Gaza durch Panzer des Militärs steht noch bevor.
In den letzten fünf Tagen hat sich Abu Mazen (Mahmoud Abbas) wirklich ins Zeug gelegt, er hat die Radikalen nicht nur in Gaza, sondern auch in Hebron, Nablus und Ramallah bekämpfen lassen durch seine Mannen. Doch aussichtslos, die Kämpfer der terroristischen Armee von Hamas und Islamischer Dschihad sind weit besser ausgerüstet, trainierter und motivierter. Sie bekommen zwar nicht einen monatlichen Sold von US$ 200, wie Abu Mazens Truppe, aber sie haben ein klares, radikales Ziel vor Augen und gehen dafür gerne in den Tod. Radikale Islamisten eben, ich glaub, brauch ich nicht viel mehr dazu zu sagen...
Der Großteil der palästinensischen Bevölkerung verurteilte den Selbstmordanschlag in Netanya! Sie haben erkannt, dass das nicht ihrem Ziel, einem freien Palästinenserstaat, dienen kann. Die Raketenbeschüsse durch die Hamas finden auch keine große Zustimmung. Jedoch ist diese Meinung nur in den Städten Palästinas weit verbreitet. In den Flüchtlingslagern und den ummauerten Dörfern, dort wo es keine Bildung gibt, keine Kultur und kaum ausländische Hilfe ankommt, dort finden die radikalen Kämpfer und ihre Taten anklang. Da ist auch Hitler ein großer Deutscher, der nur für seine Tat an den Juden geliebt wird, alles andere wird ausgeblendet – man hat ja sonst auch nichts, woran man sich klammern könnte, keine Helden, keine Führer, keine Vorbilder, eben keine Bildung. Doch der Großteil fühlt sich nun betrogen von Sharon, der nun seinerseits den Waffenstillstand (seit Februar) auch aufkündigen will. Sie fühlen sich betrogen, dass nun eine ganze Bevölkerung dafür büßen muß, was eine radikale Minderheit durch den Anschlag verzapft hat. Einer machte einen Vergleich: Stellt euch vor, nach dem Anschlag von Londen wäre die britische Armee in die englischen Städte eingerückt, hätte die ganze Bevölkerung unter Hausarrest gesetzt und über England das Kriegsrecht verhängt, bis die Täter gefunden seien. Die einfachen Bürger können sich nicht wehren, gegen die Unternehmungen der wenigen Radikalen, die palästinensischen Sicherheitskräfte können nicht hart genug durchgreifen gegen die Terroristen, und so muss nun ein ganzes Land wieder dafür bluten...
Heute nun hat Sharon grünes Licht gegeben. Das heißt, er hat dem Militär den Weg frei gemacht, „Alles zu tun“, was die Generäle für richtig und angebracht halten, um die Situation zu meistern. Der Abzug der Siedler soll fortgesetzt werden, daran zweifelt auch keiner, jedoch wird wohl stattdessen das Militär einziehen. Und die Generäle haben auch gleich ihre Freiheit genutzt, und sind heute Vormittag in verschiedene palästinensische Städte kurz eingerückt, nicht mit Panzern, aber mit Militärjeeps und Truppentransportern. In Gaza noch nicht, die Vorbereitungen waren heute Morgen noch nicht abgeschlossen, das kann sich aber im Laufe des Tages noch ändern.
Aus Ramallah ist das Militär erfolgreich wieder vertrieben worden. Sie sind bis hier vors Haus gekommen. Die Ladenbesitzer haben hektisch ihre Geschäfte verbarrikadiert, wer konnte hat sein Auto noch in Sicherheit gebracht. Die Steinewerfer waren in der Überzahl – unter einem Hagel aus Flaschen und Steinen sind die Jeeps zurück gedrängt worden, langsam aber sicher. Nach nur 15 Minuten haben sie (das Militär) sich mit einer Salve in die Werfer von diesen kurz lösen können, um zu wenden und davon zu brausen.
Ich weiß nicht, ob mein Optimismus noch zu halten ist, dass dieser Sommer noch ohne dritte Intifada vorübergeht.
Euch eine schöne Woche und beste Sommergrüße aus Ramallah.