„Salam aleikum und Shalom“
wenigstens auf dem Papier kann etwas arabisches und etwas jüdisches nebeneinander existieren ohne sich zu bekriegen.
Damit ein herzliches Hallo aus Ramallah, dem Regierungssitz der palästinensischen Autonomiebehörde. Eigentlich ein Dorf, vor ein paar Jahren noch Luftkurort, ist Ramallah mit seinen ringsum liegenden Gemeinden doch zu einer kleinen Stadt zusammengewachsen, und von der sauberen Luft ist nichts mehr zu merken auf Grund des stark angewachsenen Verkehrs. Denn Mobilität muss zelebriert werden, auch wenn sie nur bis an die israelische Mauer reicht. Hauptsache ein wenig das Gefühl von Bewegung und Vorwärtsschritten erzeugen, wenn sonst viel Stillstand herrscht.
Den Stillstand kann man auch Müßiggang, Resignation oder Selbstmitleid nennen, was nun, nach über 17 Jahren Intifada und über 37 Jahren Besatzung, die Menschen voll im Griff hat und von den Älteren an die Kinder weitervererbt wird. In vielerlei Hinsicht wird den Palästinensern ihre Freiheit und Chance auf Selbstverwirklichung durch die Besatzungsmacht und Restriktionen der fremden Armee genommen. Aber in manchen Punkten werden die neuen Möglichkeiten von den Menschen gar nicht mehr wahrgenommen. Kinder werden in ein Feindbild hineingeboren, dass sich in den 60er Jahren in die Köpfe der Eltern bohrte und seitdem dort nagt. Die militanten arabischen Gruppen sind mittlerweile so in die Bevölkerung hineingewebt, haben ihre Macht und Netzwerke geschickt durch die Schichten gesponnen, dass es wirklich aussichtslos erscheint, sie entmachten oder gar entwaffnen zu wollen, um der neuen palästinensischen Regierung eine Chance auf echte Reformen zu geben. Doch sieht man in einigen Städten und hört man hinter vorgehaltener Hand die Müdigkeit der Menschen, den konservativen Hamas- und Al-Aqusa-Truppen weiter so bedingungslos zu folgen. Es sind die kleinen Komitee-Wahlen in den Schulen, an den Universitäten und in den Vereinen, die eine Wendung hin zur liberalen Fatah-Bewegung signalisieren und damit den Willen zum Frieden mit Israel zeigen.
Doch will ich euch nicht mit Politik zuschwallen, auch wenn es genau das ist, was das Leben hier bestimmt. Alles ist hier Politik, der Einkauf im richtigen Supermarkt, die Wahl des richtigen Cafès am Abend, die Themen der Diskussionen mit den Jugendlichen. Selbst die einfache Frage: „Wie geht es dir?“ ist eine politische Frage und wird dementsprechend beantwortet oder ignoriert. Für mich stellt dies kein großes Problem dar, ich rede und philosophiere gern über politische Themen, doch die Menschen hier haben langsam genug, wenn selbst die Wahl des Mittagessens eine politische Wahl ist, seit einer halben Generation schon. Und so muss dieser Brief wenigstens einen politischen Anfang bekommen...
In der Westbank zu leben bedeutet etwas ganz anderes als im nur 13 km entfernten (israelischen) Jerusalem zu leben. Als (privilegierter) Deutscher kann ich ohne große Probleme die Checkpoints passieren und die Strecke in einer Stunde bewältigen. So muss sich ein Westdeutscher gefühlt haben, wenn er den Checkpoint Charlie auf dem Weg nach Westberlin passierte. Das graue arme Land verlassen konnte und in die nur wenige Kilometer entfernte Glitzerwelt der heilen Ordnung zurückkehren durfte. Befremdlich ist hier nur die Tatsache, dass man beim Übergang ständig in dem Visier eines 19-jährigen Soldaten ist. Ich möchte nicht behaupten, dass ich seinen Blick auf meiner Stirn fühlen kann, doch schon das Wissen im Zielrohr eines Soldaten gefangen zu sein, auf Schritt und Tritt durch dieses Nadelör, lässt mich als KDV erschauern. Überhaupt kostet es mich viel Arbeit, die Berührungsangst mit Waffen zu überwinden, die ich habe. Dem Menschen trotz Kalaschnikow näher zu treten, wegen einer M-16 keinen großen Bogen zu machen und auf Grund der Uzzi nicht den Bürgersteig zu wechseln. Wenn man sich in Israel bewegt, ist ständig eine Waffe neben dir, auf dem Sitzplatz im Bus schaust du direkt in den Lauf, am Pinkelbecken streitest du dich um den Platz mit einer MP, in der Schlange streichelst du unwillkürlich die Waffe deines Vordermannes. Ich glaube, dass auf israelischen Strassen auf jeden Zivilisten ein Soldat kommt, der seine Waffe niemals (ich wiederhole: niemals) aus der Hand gibt, auch nicht wenn er am Shabbat seine Mama besuchen geht. Das Gute an der Sache, und weil es an jedem Eingang zu einem Geschäft, Cafe oder öffentlichem Gebäude schärfste Sicherheitskontrollen gibt, ist, dass es seit über zwei Monaten nun mehr keinen toten Israeli zu beklagen gibt und das Territorium als Sicher gilt und eine Angst vor Selbstmordanschlägen als unbegründet.
In Palästina ist die Situation eine andere, man begegnet nicht sovielen Waffen, öffentlich tragen sie nur die Beamten der PA (und normale Bürger nur zu feierlichen Zeremonien), doch hört man ihren Gebrauch hier dafür täglich (ich meine nächtlich). In vielen Fällen kann man davon ausgehen, dass wieder irgendwo geheiratet, getrauert oder gefeiert wird, was das Abfeuern von Salven natürlich legitimiert. Jedoch ist oft der leichtfertige Umgang mit ihnen durch unzureichend trainierte jugendliche Halbstarke zu beklagen, was auch öfter zu Unfällen in der Bevölkerung führt. Hält man allerdings danach ein bischen Ausschau, dann ist die Teilnahme an solch einem arabischen Freudenfest ein Erlebniss der besonderen Art...
Wie ihr seht gibt es viel über die Situation hier zu berichten, doch will ich nun auch mal etwas zu meiner persönlichen hinzufügen. Ich arbeite hier im Goethe Institut zur Zeit an mehreren Projekten mit, was mich als nicht Bürohocker natürlich sehr freut. Da wären z.B. zwei Filmprojekte, die in Palästina verwirklicht werden sollen, wo ich bei der Recherche, der Location- und Kontaktsuche helfe und wenn alles läuft auch am Dreh beteiligt sein werde. Dann wird das GI ab Mai eine Cityzeitung herausbringen, zum Teil auch in deutscher Sprache, was ich dann übernehmen werde. Die PA möchte mit Hilfe des GI ein neues Mediengesetz für Palästina erstellen, auch da ist meine Anwesenheit erwünscht, und wenn ich sonst Zeit habe, stöbere, ich meine arbeite und sortiere und katalogisiere ich in der Bibliothek des Hauses. Ich habe zwar keinen eigenen Schreibtisch, da ich auf Grund der verschiedenen Projekte von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz wechsele, ansonsten bin ich aber ziemlich gut eingebunden, arbeite ziemlich frei und bekomme sehr viel Verantwortung zugesprochen. Alles in allem macht mich diese Situation sehr zufrieden, auch weil ich berufsmäßig ab und zu verreisen darf.
So musste ich die letzten drei Tage für das GI nach Gaza reisen. Ich habe dies gern getan, auch wenn das Leben der Menschen dort wirklich nur schwer zu ertragen ist. Diese Leute sind in einer großen Stadt eingesperrt, können nicht einmal die Nachbarstädte im Gazastreifen besuchen und zehren von dem, was die City hergibt. Und in all dem Staub und Bauschutt ist das nicht viel. Hier patrouillieren Nachts die vermummten Hamaskrieger durch die Straßen, um ein Gefühl der Selbstverwaltung und Sicherheit zu geben (für die Palästinenser meint das, sicher davor zu sein, dass sie nicht mitten in der Nacht von israelischen Patrouillen aus dem Bett geholt werden). Das Denken ist extrem konservativ, die Haltung gegenüber Ausländern, die als Touristen den Gazastreifen nicht besuchen können und dürfen, ist zwar neugierig freundlich, jedoch kommt an vielen Stellen der blanke Neid durch, was dann schnell in Aggresivität umschlägt. Nicht so sehr der Neid auf das Geld, eher der Neid auf meine Reisefreiheit, die Freiheit dieses Fleckchen Erde verlassen zu dürfen.
Und meine Reisefreiheit nutze ich auch jeden freien Tag (freitags und sonntags). So konnte ich in dieser kurzen Zeit hier doch schon einiges besichtigen. Am eindrucksvollsten waren dabei Nablus und Hebron. Hebron, wo sich die Siedler nicht nur ringsum niederließen, sondern auf den Häusern oben drauf. So stehen nun militärische Beobachtungtürme auf arabischen Häusern, die Strassen, wenn sie denn offen sind, sind alle mit starken Metallgittern überzogen und alle 100 Meter sind Checkpoints durch die ganze Stadt verteilt. Der eine Araber kann nun seinen Bäcker nicht mehr besuchen, der andere seinen Frisör nicht mehr, der eine seinen Bruder und der andere kann seine Verlobte nicht mehr treffen. Diese zwei Städte sind gezeichnet von einem jahrelangen Krieg, der heute noch nachts in den Strassen wütet.
Aber natürlich habe ich auch friedlich schöne Gegenden schon gesehen, z.B. Bethlehem, für die „bald kommenden Touristen“ herausgeputzt, das Tote Meer mit der angrenzenden Negevwüste und den alten römischen Festungen und natürlich die Heilige Stadt Jerusalem ein paar mal, das wohl größte ungelöste Problem des ganzen Konfliktes.
Meine Wohnung in Ramallah ist übrigens nur 5 min zu Fuß vom GI entfernt. Zusammen mit einer anderen Praktikantin verfügen wir über eine kleine Küche, Dusche und jeder ein spartanisches Zimmer. Bis auf die Kälte, die im April noch die Wände durchzog und uns 11 Grad Innentemperatur bescherte, ist es eine nette Behausung, mit etwas Grün davor, was hier ja eine Seltenheit ist. Die Sonne scheint zwar kräftig, aber hier in den judäischen Bergen (830m hoch) ist eben kein Mittelmeerwetter zu erwarten.
Ich möchte noch darauf hinweisen, dass dies kein journalistischer Bericht sein soll, sondern ein sehr subjektiv gefärbter, kurzer Abklang meines Eindrucks, als Bürger von Ramallah, wohnhaft in einem besetzten Land. Auch möchte ich noch all die beruhigen, die sich eventuell Sorgen machen ob der Schießereien, die einzige Situation die ich bis jetzt als gefährlich eingestuft habe, war das Überqueren einer Strasse, schließlich fährt hier jeder ohne Führerschein.
Erster Gruss
Labels: abhandlung
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