Dieses Blog entstand 2007, mit den Texten aus meiner Zeit als Praktikant beim Goethe-Institut-Ramallah.
Im Februar 2005 wurde durch ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Mahmoud Abbas
und
Ariel Sharon die 2. Intifada offiziell beendet.
Ende August 2005 ist Israel mit seinen Siedlern und dem Militaer komplett aus

dem Gazastreifen abgezogen.
Aus der Zeit dazwischen stammen diese Berichte und Geschichten.

Zweiter Gruss

Salam aleikum, Shalom und Hello,

aus den gut klimatisierten Büros des Franco-German-Cultural-Center-Ramallah. Der hochgelobte und einzigartige Zusammenschluss des Goethe-Instituts mit dem Centre Culturel Français. Und die Zusammenarbeit geht eher schleppend...
Aber sei’s drum, wir im GI machen eh nur unsere eigenen Projekte. Und ein ganz besonderes durfte ich leiten: die Produktion eines Tanzfilmes. Wahrlich eine Herausforderung, von der ersten Kontaktschmiede bis zum Rohschnitt haben wir alles hier in Palästina gefertigt (nur der Feinschnitt muss in Dtl. passieren, da die Regisseurin nicht länger hier bleiben kann) und ich hatte die Verantwortung. Das hieß neben der journalistischen Arbeit der Recherche, der technischen Arbeit des Filmens (zwar nur als Kamerassi) und der bürokratischen Arbeit des Budgetierens war auch meine „Feinfühligkeit“ und mein „Verhandlungsgeschick“ im Umgang mit den Schauspielern/Tänzern gefragt. Und ich sage euch, in Palästina ist ein Vertrag nicht das Papier wert. Eine Unterschrift darauf zählt nichts, und wenn man ihn fünfmal ändern und unterschreiben lassen muss, kann man sich immer noch nicht auf die letzte Fassung verbindlich berufen. Der Vertragspartner wird noch einmal kommen und etwas mehr wollen!

Als Line Producer musste ich schauen das die Regisseurin (Helena Waldmann – Tanzchoreografin in Berlin) und Hauptdarsteller (palästinensische Laiendarsteller) immer zufrieden waren, das die Drehorte verfügbar und abgesperrt waren, das alles Material am Ort war und die Tänzer pünktlich waren (und das Vorurteil, dass arabische 10 Minuten 40 deutschen Minuten entsprechen hat sich bestätigt). Ich musste die Gagen aushandeln, die Assistenten zum Arbeiten bewegen, das Goethe Institut als Produzent überall angemessen vertreten, die palästinensische Polizei beruhigen, unsere arabischen Tänzer irgendwie über die „flying checkpoints“ bringen und die israelische Armee abwehren – die natürlich meinten, wir bräuchten eine Erlaubniss von ihnen, um auf palästinensischem Boden zu drehen. Kurz um, ich habe eine wahre Menge gelernt über die Menschen in diesem Gebiet, ihr normales Handeln, die kleinen und großen alltäglichen Probleme durch die Occupation, ihre Einstellung betreffend und über die unbegrenzten Möglichkeiten in einem Land ohne Recht und Gesetzt, zumindest ohne durchsetzbares. Natürlich lernte ich auch entsprechend viel über die Produktion eines größeren Fernsehfilms, wozu doch erheblich mehr gehört, als zur Erstellung eines fünf-minütigen Magazinbeitrages. So schaue ich zuversichtlich auf das kommende Semester und meine zu produzierende Abschlussarbeit...
Das Beste aber, neben der dauernden spannenden Auseinandersetzung mit Arabern, war der Umstand, das ich von früh sechs Uhr bis abends acht Uhr immer draußen und an verschiedenen Orten gewesen bin. Auch wenn ich alle bereits privat besucht hatte, so kam ich eben noch ein zweites Mal nach Nablus, Qualqilya, Gaza und ans Tote Meer, wurde braun und zahlte nichts dafür.

Und da bei uns jetzt endlich der Sommer angefangen hat, mit heißen Tagen und hier in den Bergen kühlen Nächten, wird das sogar bei mir was mit dem Braunwerden. Und dieser Sommer wird heiß werden, das prophezeien zumindest die Haaretz (liberale israelische Zeitung), die Jerusalem Post (dito) und die zwei großen arabischen Zeitungen (Al-Ayyam und Al-Quds). Das prophezeien die Mönche und Priester in Ost-Jerusalem, die schon lange Erfahrung haben mit der Mentalität, das prophezeien einige Professoren an der Bir Zeit Universität, das prophezeit die Hamas. Der Sommer wird heiß werden, denn kaum einer glaubt an den geordneten und friedlichen Rückzug der Israelis aus Gaza und einigen Westbanksiedlungen. Denn die palästinensische Parlamentswahl ist auf Unbestimmt verschoben worden und die Hamas fühlt sich dadurch verraten (schließlich war der Wahltermin der Grund für die Waffenruhe durch die Hamas). Denn die Mauer soll am 7. Juli fertig gestellt sein und damit der letzte Durchschlupf gestopft sein, dann wird die Arbeitslosenquote plötzlich rapide ansteigen (immernoch arbeiten sehr viele Araber in Jerusalem und anderen israelischen Städten). Denn Israel lässt Abbas weiterhin abblitzen und nicht mit darüber verhandeln, wie einst deklariert, welche „politisch Inhaftierten“ aus israelischen Gefängnissen entlassen werden. So kommen nur die frei, die seit drei oder vier Jahren ohne Richterspruch sitzen, und somit „ihre Strafe bereits abgesessen haben“ (Sharon). Denn Sharon „braucht“ einen neuen Anschlag in Israel durch Palästinenser, um seine rigide Mauerbaupolitik vor den Amerikanern zu rechtfertigen. Schließlich hat Bush den Stopp des illegalen, da nicht der Greenline folgenden Mauerbaus gefordert. Und dieser „wünschenswerte“ Anschlag wird auf’s Äußerste provoziert. Seit gut drei Wochen kommen israelische Siedler in dicken, gepanzerten Limosinen wieder in die arabischen Städte, um trouble zu machen, aggiert der israelische Geheimdienst (welcher auch immer) wieder in den Vororten mit gezielten Zerstörungen, kommt das israelische Militär mit bewaffneten Jeeps des Nachts in die Wohnorte und verbreitet einfach nur schrecken, auch nach Ramallah, der offizielen Verwaltungshauptstadt des palästinensischen Autonomiegebietes, von vielen Staaten anerkannt!

Tote gibt es dabei zum Glück nicht. Das ist auch nicht die Aufgabe, denn dann würde ja Israel in der internationalen Presse als Waffenruhebrecher geführt werden. Nein, einfach Angst und Schrecken verbreiten, bis einem Einzelnen hier der Kragen platzt... Im Grunde sind die Besuche der Armee nicht gefährlich, sie tuen nichts und lassen ein in Ruhe. Aber die Palästinenser sind sehr erschrocken, laufen davon, formieren sich, versuchen mit Steinen zu werfen und werden durch die Gassen getrieben. Eigentlich bräuchten sie sich gar nicht stören lassen von den Israelis, dann würde die Provokation ins Leere fallen. Aber der Schrecken von den einrückenden Soldaten in den vergangenen Jahrzehnten sitzt wohl zu tief.

Und dann kommt noch hinzu, dass die verschiedenen palästinensischen Sicherheitskräfte untereinander zerstritten sind und sich öfter mal öffentliche Straßenschlachten (Boxkämpfe mit vorheriger Demonstration der Waffen durch Luftschüsse) liefern. Fotos sind dabei nicht erwünscht!
Aber alles in allem braucht man sich nur an die einheimische Bevölkerung zu halten, denn die wissen zumeist genau, welche Salven als gefährlich und wegrennenswert und welche als ungefährlich, also nicht beachtenswert einzustufen sind. Das Leben geht hier trotzdem ganz normal weiter, was sollte man auch anderes tun, die Sommerferien fangen bald an, das Kulturministerium bemüht sich nach allen Kräften irgendetwas anzubieten, die palästinensische Börse (mit 9 Firmen) kraucht so vor sich hin, macht leichte Gewinne und wirbt um Neuanleger. Die Katzen auf den Straßen vermehren sich prächtig, den Bürgern von Qualqilya geht es nun besser – der Checkpoint auf dem Weg zu ihren Feldern wurde wieder beseitigt, die einzige Brauerei der ganzen arabischen Welt in Taybeh, gleich hier um die Ecke, verzeichnet Gewinne, die Deutschkurse am Institut sind gut besucht, Jerusalem hat seine 38-Jahr-Feier (der Befreiung) gestern gefeiert und der (arabische) Ostteil ging seinen gewohnten Geschäften ungestört nach, die Früchte an den Bäumen reifen und sind lecker, auf der Mainroad in Ramallah heißt es weiter: „Sehen und gesehen werden“.

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